Kaschmir-Konflikt: Das Schicksal der Kinder

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Während international der 30. Jahrestages der UN-Kinderrechtskonvention (Übereinkommen über die Rechte des Kindes, UNCRC) gefeiert wird, wird Humanium nicht müde, auf die weltweit mangelnde Unterstützung von Kinderrechten hinzuweisen. Ein aktuelles Beispiel: die Lage in Kaschmir.

Kinder in der Krisenregion Kaschmir werden regelmäßig mit Gewalt und bewaffneten Konflikten konfrontiert. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, sich das 2. Fakultativprotokoll der Kinderrechtskonvention aus dem Jahre 2000 in Erinnerung zu rufen (Fakultativprotokoll zum Übereinkommen über die Rechte des Kindes betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten). In diesem wurde die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten nicht nur als Kindersoldaten verurteilt, sondern auch in peripheren Rollen wie Küchengehilfen oder Wachen, unabhängig davon, ob sie zwangsweise oder freiwillig rekrutiert werden. Es ist inakzeptabel, dass Kinder fast 20 Jahre nach diesem Protokoll weiterhin täglich in Krisenregionen mit staatlich sanktionierter Gewalt konfrontiert werden.

Kaschmirs Vergangenheit

“Seit sieben Jahrzehnten wachsen die Kinder von Kaschmir nun inmitten von Gewalt auf”, stellte Malala Yousafai nach der Abriegelung Kaschmirs durch Indien unter der Führung von Narenda Modi (India Today Web Desk, 2019) fest. Malala, die Friedensnobelpreisträgerin, die für ihren Einsatz für Mädchenbildung von den Taliban im Jahre 2012 angeschossen wurde, fordert Frieden in den Regionen Jammu und Kaschmir, die seit ihrer Kindheit miteinander in Konflikt stehen.

Kaschmir ist seit 1947 – seit der Teilung Indiens – Gegenstand eines Grenzstreits zwischen Indien, Pakistan und China. Zum Zeitpunkt der Teilung wurden Jammu und Kaschmir von Maharaja Hari Singh regiert, der Unabhängigkeit für die Bürgerinnen und Bürger Kaschmirs forderte. Sein Wunsch hat sich nicht erfüllt: Im September 1947, nachdem Pakistan in West-Kaschmir einmarschiert war, bat Singh Indien um Hilfe. Indien knüpfte seinen Beistand an die Voraussetzung, dass Kaschmir sich Indien anschließen sollte. Pakistan kontrollierte damals den westlichen Teil Kaschmirs (heute Azad Jammu und Kaschmir).

In einem Übereinkommen zwischen Indien und Pakistan erhielt Kaschmir einen Sonderstatus (Artikel 370), unter dem es relativ große Autonomie haben sollte, und zwar in allen Gebieten außer in den Bereichen Kommunikation, Außenpolitik und Verteidigung (Blakemore, 2019).

Seit 1947 ist Kaschmir militärisch besetzt; es gibt tägliche Gewalt und Bürgerkriege. Nobelpreisträgerin Malala erklärte, dass unter dem bis heute nicht gelösten Konflikt vor allem Frauen und Mädchen leiden – und es wird täglich schlimmer (India Today Web Desk, 2019).

Autonomieverlust und anhaltende Konflikte

Am 5. August 2019 entschied Indiens Premierminister Modi, Artikel 370 zurückzuziehen und Jammu und Kaschmir damit die letzte verbleibende Autonomie zu nehmen, wie auch die Möglichkeit, den Zuzug fremder Siedler zu begrenzen (Withnall, 2019). Gleichzeitig blockierte Modis Regierung das Internet im ganzen indisch kontrollierten Teil von Kaschmir (Lateef, 2019). Auch die Telefonverbindungen zur Außenwelt sind unzureichend, sodass die Kaschmiris aktuell keine Möglichkeit haben, ihre Schwierigkeiten der Welt mitzuteilen und um Beistand zu bitten.

Kinder in Kaschmir

Die Hauptprobleme für Kinder in der Region sind Gewalt und ein Mangel an Ausbildung. So wurden beispielsweise in nächtlichen Razzien (so berichten indische Ökonomen und Aktivisten) Jungen von den Sicherheitskräften entführt, und Frauen und Mädchen belästigt und bedrängt (Drèze J., Krishnan K., Mollah M., and Bhai V., 2019). Der Bericht ist zwar ausführlich, enthält jedoch kein Videomaterial von Interviews mit der Bevölkerung. Das hat einen Grund: Eltern fürchten Verhaftung, wenn sie frei über das Verschwinden der Jungen berichten, da die Razzien eventuell unter dem Public Security Act durchgeführt wurden und Protest dagegen möglicherweise als Gefahr für die Staatssicherheit klassifiziert würde. Auf diese Art und Weise haben die Razzien die Kaschmiris zum Schweigen gebracht.

Indische Forscher berichten außerdem von Engpässen bei Nahrungsmitteln, Milch und anderen Produkten des täglichen Bedarfs. Dies wirkt sich besonders nachteilig auf noch im Wachstum befindliche Kinder aus. Auch Erwachsene werden zudem durch die aktuelle Instabilität beispielsweise daran gehindert, im Falle von Krankheit rechtzeitig eine Klinik zu erreichen (Ma, 2019). Der oben genannte Bericht ist somit eine wertvolle Informationsquelle in einer Zeit, in der es keine freie Berichterstattung aus Kaschmir gibt.

Das zweite Hauptproblem für Kinder in Kaschmir ist der schwierige Zugang zu Aus- und Weiterbildung. Mitte August 2019 wurden die Grundschulen, die seit dem 5. August geschlossen waren, zwar auf Anweisung der indischen Behörden wieder eröffnet, aber Eltern zögern, ihre Kinder zur Schule zu schicken und sie damit den gewalttätigen Konflikten in den Straßen und dem Zugriff der Sicherheitskräfte auszusetzen. Einige Eltern machten die klare Aussage, dass die Sicherheit ihrer Kinder ihnen wichtiger ist als ihre Ausbildung (Lateef, 2019).

Dieser Boykott der Schulen ist eine der wenigen Ausdrucksformen, die Eltern für ihren Protest gegen die aktuelle Situation bleiben. Zudem sind Schulen nicht telefonisch erreichbar, und nicht nur viele Kinder bleiben zu Hause, sondern oft auch die Lehrer. So sagte Mohammad Younis Malik, Direktor für schulische Ausbildung in Kaschmir, dass 72 der 166 wiedereröffneten Grundschulen nur “spärlich” besucht seien (Lateef, 2019). Auch Mittel- und weiterführende Schulen seien kaum besucht (The Times of India, 2019).

An der Hansraj Public School im Distrikt Panchkula im indischen Haryana wurden einige Schülerinnen und Schüler aufgefordert, Modi in einem Brief für dessen Abschaffung von Artikel 370 zu danken. Das DAV College Managing Committee, die übergeordnete Behörde der Hansraj Public School und von 900 anderen Schulen im Land, spricht tatsächlich 11- und 12-jährige Schülerinnen und Schüler gezielt mit Propaganda an. In diesem Alter sind die Kinder noch nicht in der Lage, den Konflikt zu verstehen und sich eine begründete Meinung zu bilden, sodass einseitige Propaganda signifikant in ihre Entwicklung und Persönlichkeitsrechte eingreift (Withnall, 2019).

Humaniums Ansatz

Wir bei Humanium können es nicht oft genug betonen: “Sicherheit zuerst! Ohne Sicherheit gibt es keine hochwertige Bildung, und im schlimmsten Fall gar keine Bildung”. Auch in unseren Projekten in Ruanda war es daher die erste Priorität, Gewalt zu beenden und Frieden zu schaffen, bevor es an den Bau von Schulen und anderen Bildungsprojekten ging. In fünf Regionen in Ruanda arbeiten wir daher beispielsweise mit der Associazione Volontari per il Servizio Internazionale (AVSI) zusammen, mit dem Ziel, den seit 1994 bestehenden Teufelskreis der Gewalt, der mit dem Genozid in Ruanda seinen Anfang nahm, zu durchbrechen.

Humanium hat gemeinsam mit Spezialistinnen und Spezialisten für Traumatherapie einen innovativen Ansatz entwickelt. Dieser stellt interdisziplinäre Werkzeuge bereit, um Familien psychologischen und sozialen Beistand zu leisten, denn die Kinder im dortigen Krisengebiet waren oft auch mit häuslicher Gewalt konfrontiert. Kinder brauchen jedoch eine sichere Umgebung, in der sie gern zu Schule gehen. Dies ist auch in Kaschmir zur Zeit nicht gegeben. Wir als NGO sind daher bestrebt, ein Projekt mit mehreren Workshops in der Region durchzuführen, um mit einem psychosozialen Ansatz den Schulbesuch wieder möglich zu machen und die tägliche Konfrontation mit Gewalt auf den Straßen zu bewältigen.

Humanium war in der Vergangenheit bereits in der Region aktiv und hat innerhalb von elf Jahren zehn erfolgreiche Projekte umgesetzt, die beispielsweise solche Herausforderungen wie Abschaffung von Kinderarbeit, Bio-Landwirtschaft und nachhaltige Entwicklung adressierten. Vor kurzem haben wir im Norden, in Madhya Pradesh, eine Mädchenschule für 50 Schülerinnen gebaut, die nun seit zwei Monaten im Betrieb ist. Mit dieser regionalen Erfahrung und dem oben beschriebenen Ansatz ist Humanium optimal darauf vorbereitet, ein Projekt in Kaschmir zum Erfolg zu führen.

Auch über die Region hinaus hat Humanium Erfahrung in den Bereichen Bildung und Schule; so haben wir etwa in Senegal eine Grundschule gebaut, um den Zugang der dortigen Kinder zu Bildung zu verbessern.  Unsere Werte und unsere Handlungen zeigen, dass wir großen Wert auf das Recht der Kinder auf Bildung legen. Daher halten wir es für dringend notwendig, die aktuelle Situation in Bezug auf Bildung in Kaschmir weltweit bekannt zu machen. Die interntionale Gemeinschaft muss helfen, in Kaschmir eine sichere Umgebung zu schaffen, in der Kinder unbesorgt zur Schule gehen können.

Wir müssen die Situation der Kinder in Kaschmir im Gespräch halten, um Unterstützung zu mobilisieren – und vielleicht kommen zu den Gesprächen demnächst noch Workshops hinzu!

Geschrieben von Leah Benque

Übersetzt von Christina Czeschik

Literatur

Blakemore, Erin. (2019), “The Kashmir conflict: How did it start?,” National Geographic. Abgerufen von National Geographic Culture & History: https://www.nationalgeographic.com/culture/2019/03/kashmir-conflict-how-did-it-start/

Drèze J., Krishnan K., Mollah M., and Bhai V. (2019, August 14), “Kashmir Caged: A Fact-Finding Report,” Indian Cultural Forum. Abgerufen von Indian Cultural Forum: https://indianculturalforum.in/2019/08/14/kashmir-caged-a-fact-finding-report/

India Today Web Desk. (2019, August 8), “Malala Yousafzai appeals for peace, says worried about safety of Kashmiri children and women,” India Today. Abgerufen von India Today News: https://www.indiatoday.in/india/story/malala-yousafzai-jammu-kashmir-1578499-2019-08-08

Laateef, Samaan. (2019, August 19), “India orders schools to reopen, but Kashmiri parents keep kids at home: ‘Education is less important than our children’s lives’,” Independent. Abgerufen von  Independent UK: https://www.independent.co.uk/news/world/asia/kashmir-schools-open-india-pakistan-crisis-a9070431.html

Ma, Alexandra. (2019, August 15), “Armed forces in Kashmir are detaining children and molesting women and girls amid a state-wide blackout, report claims,” Business Insider France. Abgerufen von Business Insider France: http://www.businessinsider.fr/us/kashmir-forces-detaining-kids-molesting-girls-amid-blackout-report-2019-8

The Times of India. (2019, August 27), “High schools in Kashmir to reopen from Wednesday in areas without restrictions,” The Times of India. Abgerufen von The Times of India: https://timesofindia.indiatimes.com/india/shops-can-open-where-restrictions-lifted-jk-administration/articleshow/70861667.cms

Withnall, Adam. (2019, August 15), “’This is propaganda‘: Indian school makes children write letter thanking Modi for stripping Kashmir’s autonomy,” Independent. Abgerufen von Independent UK: https://www.independent.co.uk/news/world/asia/india-kashmir-latest-school-letter-thanks-modi-article-370-a9061001.html