Kinder in Pakistan

Kinder in Pakistan

Kinderrechte in Pakistan verwirklichen

Viele soziale Indikatoren dokumentieren den Fortschritt, den die Islamische Republik Pakistan in Sachen Kinderrechte seit der Unabhängigkeit des Landes 1947 gemacht hat. Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und die Lebenserwartung haben sich verbessert, während die Kindersterblichkeitsrate und der Analphabetenanteil gesunken sind. Nichtsdestotrotz wird die vollständige Realisierung der Kinderrechte weiterhin viel Zeit und Mühe erfordern.

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Index der Realisierung von Kinderrechten : 5,46/10
Schwarze Stufe : Sehr schwierige Situation

Bevölkerung: 193 M.
Bev. 0-14 Jahren: 34%

Lebenserwartung: 66,6 Jahre
Kindersterblichkeit: 66 %

Die Hauptprobleme der Kinder in Pakistan:

Armut

24 Prozent der pakistanischen Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. Dieses Problem betrifft vorwiegend die ländlichen Gegenden. Der gegenwärtige Zustand des Weltmarktes verschlechtert die schon jetzt sehr angespannte ökonomische Situation des Landes weiter. Die ersten Opfer von Armut sind Kinder, die schwächsten und am stärksten verwundbaren Menschen. Sie erleben einen vollständigen Verlust ihrer Rechte: fehlende Bildung, schlechter Zugang zu medizinischer Versorgung, Diskriminierung, etc.

Recht auf Gesundheit

In Pakistan erreicht jedes sechste Kind nicht das fünfte Lebensjahr. Auch die Ernährungssituation ist sehr schlecht: 35 Prozent der Kinder sind untergewichtig, mehr als 50 Prozent leiden an Kümmerwuchs und rund 9 Prozent sind von Abmagerung betroffen. Täglich sterben rund 1100 pakistanische Kinder unter 5 Jahre an den Folgen von Durchfall oder aufgrund der katastrophalen hygienischen und sanitären Bedingungen und verunreinigtem Wasser.
Zugang zur Versorgung ist eine große Herausforderung in den ländlichen Gegenden, wo sich viele Familien nicht einmal die grundlegende medizinische Versorgung leisten können. Darüber hinaus wirken sich die wiederkehrenden Naturkatastrophen und die schlechte Infrastruktur stark negativ auf die Gesundheit der Menschen aus.

Kinderarbeit

Die sozioökonomische Situation des Landes ist desaströs und zwingt Familien dazu, ihre Kinder arbeiten zu schicken. Rund 11 Millionen Kinder arbeiten im Haushalt oder helfen in der Landwirtschaft mit. Andere Kinder arbeiten in der Textilindustrie (insbesondere in der Teppichherstellung), in der Baubranche oder sogar in der Automobilindustrie.

Kinder in Teppichfabriken arbeiten manchmal bis zu 20 Stunden täglich – 7 Tage pro Woche. Sehr oft wird an ein und demselben Ort geschlafen, gegessen und gearbeitet. Diese Situation bringt eine besondere Belastung für ihre Gesundheit mit sich, denn sie arbeiten oftmals unter sehr beengten Bedingungen und an Orten, die ihrer Gesundheit abträglich sind. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Kinder Probleme mit der Atmung haben oder unter Deformierungen ihrer Wirbelsäule leiden.

Recht auf Bildung

Nur 71 Prozent der Kinder in Pakistan besuchen die Grundschule. Dies bedeutet, dass 23 Millionen Kinder keinen Zugang zu solcher Bildung haben. Darüber hinaus, ist die Zahl der Jungen, die auch tatsächlich zur Schule gehen, höher als die Zahl der Mädchen.
Die Regierung gibt gerade einmal 1,8 Prozent des staatlichen Budgets für Bildung aus, was angesichts dessen, was benötigt wird, eindeutig nicht ausreicht. Die Schwierigkeiten im Bildungssektor sind zahlreich: ökonomische Mängel, baufällige oder sogar einsturzgefährdete Gebäude, fehlende sanitäre Einrichtungen, Stühle, Tische, wiederkehrende humanitäre Katastrophen etc. Darüber hinaus sind viele Lehrer unterqualifiziert und es ist nicht unüblich, dass Kinder die Schule verlassen, ohne jemals Lesen oder Schreiben gelernt zu haben. Dies trifft auf fast 50 Prozent der sechs- bis sechzehnjährigen Kinder zu, die eine Schule besucht haben.
„Die fehlende Bildung nährt Frustration: ohne Bildung findest du keine Arbeit und verdienst kein gutes Geld. In Pakistan sind 45 Prozent der Bevölkerung jünger als 20 Jahre. Die Gefahr besteht, dass sich diese Menschen gegen diese Gesellschaft wenden. Dies kann sich zum Beispiel in einer Neigung zu radikalem Gedankengut äußern.“

Straßenkinder

Armut, physischer und geistiger Missbrauch, Vernachlässigung und familiäre Probleme sind die Hauptfaktoren, die Kinder dazu bringen, auf der Straße Zuflucht zu suchen. Jedoch, einmal dort gelandet und auf sich allein gestellt, ist die Chance, Hilfe und Unterstützung zu finden, gering. Stattdessen sind sie oftmals großen Gefahren ausgesetzt. Verletzt, krank und geprägt von Verlust ist Prostitution für manche der einzige Weg, um wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen.

Sexuelle Ausbeutung von Kindern

Rund 90 Prozent der 170.000 Straßenkinder in Pakistan sind der Sexarbeit ausgeliefert. Schätzungen zufolge werden aber nur 20 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle zur Anzeige gebracht. 60 Prozent der jungen Opfer beschuldigen die Polizei, selbst zu den Tätern zu gehören. Pakistan ist auch eines der wenigen Länder, in dem die Gefahr für Jungen, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, fast größer ist als für Mädchen.

Gewalt und Missbrauch

Es ist ein besorgniserregender Anstieg bei den Fällen von Missbrauch, Entführung und Gewalt gegenüber Kindern in Pakistan zu verzeichnen. Die Zahlen reichen jedes Jahr an die Millionengrenze heran. Diese Zahlen sind noch besorgniserregender, wenn man bedenkt, dass 80 Prozent der Fälle nicht zur Anzeige gebracht werden. Missbrauch, häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Pädophilie, Zwangsheirat: die Liste der Missbrauchsfälle ist unendlich lang, allerdings ist es die körperliche Prügelstrafe, die die am meisten verbreitete Form des Missbrauchs darstellt.

Vernachlässigung durch die Eltern, das mangelnde Bewusstsein dafür seitens der Bevölkerung und der fehlende juristische Schutz für Kinder sorgen für weitere Missbrauchsfälle unter der jungen pakistanischen Generation.

Kinderhandel

Infolge der Fluten, von denen Pakistan 2010 betroffen war, wird befürchtet, dass Kinder jetzt noch gefährdeter sind als zuvor. Berichte dokumentieren, dass Kinder verkauft, vermietet oder sogar entführt werden, um anschließend zum Betteln, Dienen oder zur Prostitution gezwungen werden. Es wurden Fälle beobachtet, in denen junge Mädchen – oftmals minderjährig und aus armen Verhältnissen – aus ihren Städten entführt wurden, um in Prostitutionsnetzwerke eingeschleust zu werden – ohne Schutz, denn die Behörden gelten als korrupt.

Kinderheirat

Trotz des Gesetzes zur Beschränkung der Verheiratung von Kindern, das die Zwangsverheiratung von Kindern verbietet, finden solche Verheiratungen in Pakistan weiterhin statt. In diesem Gesetz ist das rechtlich heiratsfähige Alter auf 18 Jahre für Männer und 16 Jahre für Frauen festgelegt. Verstöße dagegen können sanktioniert werden. In der Praxis wird dieses Gesetz jedoch überhaupt nicht beachtet und es gibt weiterhin viele Fälle von Zwangsheirat im Land. Es wird geschätzt, dass Ehen mit Kindern rund 32 Prozent der lokalen Ehen ausmachen.
In ländlichen Gegenden kann man darüber hinaus sogenannte „Vani Ehen“ beobachten. Dabei wird eine Tochter zur Ehe „freigegeben“, um damit eine Schuld oder einen Streit zwischen zwei Parteien beizulegen. Dabei bietet der „Schuldige“ für das von ihm verschuldete Unrecht eine seiner Töchter zur Kompensation an. Solche Ehen sind sehr gefährlich für das Wohlergehen der jungen Mädchen, die damit dem Risiko von häuslicher Gewalt, Dienerschaft und Vergewaltigungen ausgesetzt werden.

Kinder und bewaffnete Konflikte

Pakistan ist Schauplatz zahlreicher Konflikte und Konfrontationen (z.B. die Situation in Kaschmir oder der Kampf gegen die Taliban). Als Opfer von Selbstmordanschlägen, Explosionen und Minen zahlen Kinder mit ihrer Gesundheit einen besonders hohen Preis für diese Konflikte. Darüber hinaus wird ihnen aufgrund dieser Konflikte das Recht auf Bildung genommen, da viele Schulen zerstört werden oder in Regionen liegen, für die Ausgangssperren gelten.

Entwurzelte und Flüchtlingskinder

In Pakistan sind bewaffnete Konflikte nicht der einzige Grund, der Familien zur Flucht zwingt. Das Land ist auch mit wiederkehrenden Naturkatastrophen konfrontiert. Kinder, die ihr Zuhause verlassen, benötigen Essen, Versorgung, Unterschlupf und Trinkwasser. Unter diesen prekären Lebensbedingungen leiden viele dieser Kinder unter Krankheiten, die nicht nur durch mangelnde Hygiene verursacht werden, sondern auch unter Angstzuständen, Stress und Depressionen.
Auch die Situationen der afghanischen Flüchtlingskinder in Pakistan ist nicht viel besser. In Pakistan als Kinder afghanischer Eltern geboren, sind sie nicht als Flüchtlinge anerkannt. Damit sind sie offiziell nicht existent und aufgrund der rechtlichen Situation in Pakistan faktisch unsichtbar. Weil sie darüber hinaus auch kein Urdu sprechen, die offizielle Landessprache, haben sie auch keinen Zugang zu pakistanischen Schulen und fristen ihr Dasein deshalb oft auf der Straße, wo sie arbeiten, um zu überleben.

Recht auf Identität

Rund 70 Prozent der Geburten werden bei den pakistanischen Behörden nicht offiziell registriert, sodass diese Kinder für die Augen der Gesellschaft faktisch unsichtbar sind. Da es weder Regelungen für Geburten gibt, noch erkannt wird, warum die Registrierung so wichtig wäre, gibt es auch noch immer kein vollständiges Geburtenregister. Es ist dringend notwendig, dass die Öffentlichkeit von den Problemen erfährt, die ein fehlendes Geburtenregister mit sich bringt: fehlende Identität, Nationalität und der damit einhergehende fehlende Respekt gegenüber den Rechten und Bedürfnissen von Kindern.

Kinder und Recht

Im Jahr 2000 erschuf Pakistan ein spezielles Rechtssystem für Jugendliche, das JJSO, um damit ein unabhängiges Rechtssystem zu kreieren, das speziell an die Bedürfnisse Minderjähriger angepasst ist. Allerdings ist dieses spezielle Rechtssystem noch immer sehr schwach ausgeprägt und bietet Minderjährigen, die mit dem Recht in Konflikt geraten sind, keinen wirklichen Schutz. In der Praxis werden die Rechte inhaftierter Kinder in Pakistan täglich missachtet und es gibt Fälle von Folter, Missbrauch sowie sexuelle Übergriffe, etc.
Nach Angaben der Hilfsorganisation SPARC hat das Land kein Rechtssystem, das fair und gerecht zu Minderjährigen ist. Kinder sind weder geschützt, noch werden sie während ihres Gefängnisaufenthalts von den Erwachsenen getrennt untergebracht. Dieser Einfluss kann sich negativ auf die Jugendlichen auswirken, da die Gefahr besteht, dass sich die Kriminalitäts- und Delinquenzspirale immer weiterdreht und sie tiefer hineingeraten.