Kinder im Kosovo

Verwirklichung der Kinderrechte im Kosovo

Im Kosovo können viele Kinder ihre Grundrechte noch immer nicht uneingeschränkt wahrnehmen. Obwohl die gesetzlichen Rahmenbedingungen weitgehend internationalen Standards entsprechen, sind zahlreiche Kinder aufgrund schwacher Durchsetzung und begrenzter Ressourcen benachteiligt. Besonders betroffen sind Kinder aus Roma-, Aschkali- und ägyptischen Gemeinschaften (engl. Roman, Ashkali and Egyptian; kurz RAE), Kinder mit Behinderungen sowie Kinder, die in Armut leben. Der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung ist für ethnische Minderheiten und Kinder mit Behinderungen weiterhin ungleich verteilt. Die Teilnahme an frühkindlicher Bildung bleibt niedrig, und Kinderarbeit sowie Gewalt stellen nach wie vor erhebliche Herausforderungen dar. Zwar wurden in den vergangenen Jahren Fortschritte erzielt, doch es bedarf weiterer gezielter Anstrengungen, um den gleichberechtigten Schutz aller Kinder sicherzustellen – unabhängig von ihrem Wohnort.

Bevölkerung: 1,8 Mio.
Bevölkerung im Alter von 0 bis 14 Jahren: 27 %

Lebenserwartung: 76 Jahre
Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren: 10 ‰

Kosovo auf einen Blick

Kosovo, offiziell Republik Kosovo, ist ein Binnenstaat auf dem westlichen Balkan. Es erklärte 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien, wird jedoch nicht von allen Ländern als souveräner Staat anerkannt. Das Land grenzt im Westen an Montenegro, im Südwesten an Albanien, im Südosten an Nordmazedonien sowie im Norden und Osten an Serbien. Die Hauptstadt Pristina ist das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes.

Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Albanern, daneben leben serbische und weitere Minderheiten im Land. Albanisch und Serbisch sind die Amtssprachen. Die Kultur Kosovos ist geprägt von illyrischen, byzantinischen, osmanischen und jugoslawischen Einflüssen und zeichnet sich durch lebendige Traditionen in Musik, Kunst und Gastfreundschaft aus.

Kosovo ist eine parlamentarische Republik mit einer Präsidentin als Staatsoberhaupt und einem Premierminister als Regierungschef. Die staatlichen Institutionen entwickelten sich nach dem Konflikt von 1999 unter der Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen. Rund 100 UN-Mitgliedstaaten erkennen Kosovo an. Aufgrund des Widerstands Serbiens sowie Russlands, Chinas und weiterer Länder ist Kosovo jedoch kein Mitglied der Vereinten Nationen.

Nach jahrzehntelangen ethnischen Spannungen und dem Kosovokrieg von 1998–1999 wurde das Gebiet unter UN-Verwaltung gestellt, bevor es am 17. Februar 2008 einseitig seine Unabhängigkeit erklärte. Während viele Staaten die Souveränität Kosovos anerkennen, tun dies andere – darunter Serbien und mehrere EU-Mitgliedstaaten – nicht, sodass der Status des Landes international weiterhin nur teilweise anerkannt ist.

Status der Kinderrechte [1]

Der Umgang Kosovos mit den Rechten des Kindes ist eng mit der Erholung nach dem Konflikt sowie mit laufenden institutionellen Reformen verknüpft. Da Kosovo kein Mitglied der Vereinten Nationen ist, gilt es formal nicht als Vertragsstaat der UN-Kinderrechtskonvention (KRK) oder der Behindertenrechtskonvention. Stattdessen haben die kosovarischen Institutionen diese internationalen Instrumente in die Verfassung und zentrale Gesetzestexte integriert. Die Gesetzgebung orientiert sich weitgehend an den Grundprinzipien der KRK und ist Ausdruck des politischen Ziels, sich stärker an europäische Institutionen anzunähern und eine fundierteinternationale Interessenvertretung aufzubauen. Die Verfassung der Republik Kosovo verankert die KRK ausdrücklich in Artikel 50.

Die Nationale Strategie für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (2013–2023) wird derzeit überarbeitet. Eine neue Strategie für den Zeitraum 2025–2030 sowie ein zugehöriger Aktionsplan für 2025–2027 befinden sich in Vorbereitung durch das Office for Good Governance. Ziel ist es, die Rechte und die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen – einschließlich Kindern und ihrer Familien – nachhaltig zu stärken (Leung & Nagavci, 2025).

Der Kosovo hat wichtige Gesetze im Zusammenhang mit Kindern an die Kinderrechtskonvention und die einschlägigen europäischen Menschenrechtsrahmenwerke angepasst. Mit dem Gesetz Nr. 06/L-084 zum Schutz von Kindern, das 2019 verabschiedet wurde und seit 2020 in Kraft ist, verfügt Kosovo über eine solide rechtliche Grundlage für den Schutz von Kindern unter 18 Jahren. Es kodifiziert zentrale bürgerliche, politische, soziale und wirtschaftliche Rechte. Die europäischen Menschenrechtsstandards, darunter die Europäische Menschenrechtskonvention und die Instrumente des Europarats zum Schutz von Kindern, dienen Gerichten und Behörden als Leitlinien, auch wenn Kosovo noch kein Mitglied des Europarats ist. Trotz dieser Fortschritte fehlt es insbesondere Kindern aus Minderheitengemeinschaften, benachteiligten Regionen, ländlichen Gebieten oder jenen ohne Ausweisdokumente weiterhin an wirksamem Schutz.

Die Strategie des Europarates für die Rechte des Kindes (2022–2027) definiert den sicheren Umgang mit digitalen Technologien sowie den Schutz vor sexueller Ausbeutung im Internet als zentrale Handlungsfelder. Kosovo bemüht sich, seine politischen Maßnahmen an diesen Zielen auszurichten, und arbeitet mit europäischen sowie internationalen Partnern zusammen, um den Schutz von Kindern in digitalen Umgebungen zu stärken.


Erfüllung grundlegender Bedürfnisse vom Kindern

Recht auf Bildung

Kosovo garantiert Kindern im Alter von 6 bis 15 Jahren eine kostenlose und verpflichtende Schulbildung. Nach dem Gesetz über die voruniversitäre Bildung ist zudem der Besuch der Vorschule im Alter von fünf Jahren verpflichtend. Das Bildungssystem umfasst die frühkindliche Betreuung (0–5 Jahre), die Vorschulbildung (5 Jahre), die Grundschule (1.–5. Klasse, 6–10 Jahre), die Sekundarstufe I (6.–9. Klasse, 11–14/15 Jahre) sowie die Sekundarstufe II (10.–12. Klasse, 15–18 Jahre).

Im Juli 2023 verabschiedete die Nationalversammlung ein mit Unterstützung der Vereinten Nationen ausgearbeitetes Gesetz, das den verpflichtenden Vorschulbesuch für alle Fünfjährigen ab dem Schuljahr 2024/2025 vorsieht (Qamili, 2024). Während die Einschulungsquote in der Grundschule mit über 97 % hoch ist, bleibt die Beteiligung an frühkindlicher und weiterführender Bildung gering. Im Schuljahr 2023/2024 besuchten nur 8,9 % der Kinder unter fünf Jahren eine Vorschule, und die Einschulungsquote im Sekundarbereich war in marginalisierten und ländlichen Gebieten besonders niedrig. Derzeit liegt die Abbrecherquote in der Grundbildung in einigen Regionen bei bis zu 25 % (Gazzi, o. D.; Lumezi, 2025). Kosovo hat auch die niedrigste Vorschulbesuchsquote unter den Nachbarländern. Nur 15 % der Kinder im Alter von 3 bis 4 Jahren sind eingeschrieben, und diese Schüler stammen hauptsächlich aus wohlhabenderen Haushalten (KOMF Kosova, 2024a).

Viele Kleinkinder erhalten keine formale frühkindliche Bildung und werden oft zu Hause betreut. Nur jedes dritte Kind im Alter von 2 bis 4 Jahren profitiert von frühkindlicher Förderung durch Geschichtenerzählen, Vorlesen oder Spielen (KOMF Kosova, 2024a). Die frühkindlichen Förderangebote sind fragmentiert und weitgehend therapeutischer oder präventiver Natur, wobei die Koordination zwischen den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales nur begrenzt erfolgt. Infolge dieser Fragmentierung müssen Familien oft mehrere Einrichtungen aufsuchen, um Unterstützung zu erhalten.

Recht auf Gesundheit

Die Gesundheitsversorgung im Kosovo ist ungleich verteilt und unterfinanziert. Im Jahr 2022 waren lediglich 45 % der unentbehrlichen Arzneimittel in Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung verfügbar. Besonders gravierend waren die Engpässe bei der Versorgung von Frühgeborenen sowie von Kindern mit seltenen Erkrankungen (KOMF Kosova, 2024a). Präventive, rehabilitative und suchttherapeutische Angebote sind weitgehend nicht vorhanden. Leistungen zur Feststellung von Behinderungen und zur Rehabilitation konzentrieren sich überwiegend auf urbane Gegenden, wodurch Familien in ländlichen Regionen kaum Zugang zu adäquater Unterstützung haben (Leung & Nagavci, 2025). Die Säuglings- und Kindersterblichkeit bleibt alarmierend hoch und lag 2022 mit 14,4 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten deutlich über dem EU-Durchschnitt. Hauptursachen sind Frühgeburten, angeborene Erkrankungen sowie Infektionen (KOMF Kosova, 2024a).

Kinder aus ländlichen und marginalisierten Gemeinschaften weisen zudem niedrigere Impfquoten und einen eingeschränkten Zugang zu Vorsorge- und Rehabilitationsleistungen auf. Als Reaktion darauf wurden Tür-zu-Tür-Impfkampagnen eingeführt, um insbesondere die unzureichende Immunisierung von RAE-Kindern zu adressieren (Amt des Premierministers, 2024). Parallel dazu nimmt der Substanzkonsum unter Jugendlichen zu; das durchschnittliche Einstiegsalter ist auf 16 Jahre gesunken. Der verbreitete Konsum von Tabak, Wasserpfeifen, E-Zigaretten und Energydrinks verweist auf erhebliche Defizite in Regulierung und Durchsetzung bestehender Schutzmechanismen (KOMF Kosova, 2024a).

Auch im Bereich der frühkindlichen Betreuung bestehen erhebliche Gesundheits- und Sicherheitsrisiken. Die Anzahl öffentlicher Kindertagesstätten ist unzureichend, und sie sind häufig durch Platzmangel, fehlende Ressourcen sowie mangelhaft geschultes Personal gekennzeichnet. Berichte über Vernachlässigung und körperliche Misshandlung, teils ohne klare Rechenschaftsmechanismen, haben das Vertrauen in das System nachhaltig geschwächt. In der Folge weichen einige Familien auf kostenintensive private Angebote aus oder behalten ihre Kinder zu Hause – ein Umstand, der die frühkindliche Sozialisation und Entwicklung deutlich einschränkt (Bami, 2025).

Recht auf Identität

Kinder im Kosovo haben das Recht auf einen Namen, eine Staatsangehörigkeit sowie auf Schutz vor Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch. Die Geburtenregistrierung ist gesetzlich verankert, ebenso bestehen formelle Schutzmechanismen zur Verhinderung von Staatenlosigkeit im Kindesalter. In der Praxis sehen sich jedoch zahlreiche Kinder aus Minderheitengemeinschaften mit erheblichen Hürden konfrontiert, etwa durch komplexe Verwaltungsverfahren, frühere Vertreibungen oder fehlende elterliche Dokumente (European Network on Statelessness, o. D.).

Unzureichende Geburtenregistrierungen sind insbesondere in RAE-Gemeinschaften weit verbreitet. Ohne Geburtsurkunde bleibt Kindern der Zugang zu grundlegenden Rechten verwehrt, darunter Bildung, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen. Zwar haben Reformen des Personenstandsregisters insgesamt zu Verbesserungen geführt, dennoch sind RAE-Gemeinschaften weiterhin unverhältnismäßig stark betroffen.

Für Kinder von Eltern ohne gültige Dokumente sowie für vertriebene oder obdachlose Familien besteht nach wie vor ein erhöhtes Risiko der Staatenlosigkeit, wodurch betroffene Kinder in keinem Staat einen gesicherten Rechtsstatus erlangen (European Network on Statelessness, o. D.). Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich für Kinder serbischer Abstammung, da Kosovo und Serbien Personenstandsurkunden des jeweils anderen Staates nicht lückenlos anerkennen. Dieser administrative Stillstand erschwert den Erhalt von Ausweisdokumenten erheblich und schränkt den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen sowie die gesellschaftliche Teilhabe ein (Kosovo Online, 2025).

Im Jahr 2020 führte Kosovo ein Verfahren zur Feststellung der Staatenlosigkeit ein, das gezielte Schutzvorkehrungen für Kinder vorsieht, die andernfalls staatenlos wären. Dazu zählen unter anderem unbegleitete Minderjährige, adoptierte Kinder, im Ausland geborene Kinder kosovarischer Eltern sowie Kinder mit ungeklärter Staatsangehörigkeit (European Network on Statelessness, o. D.).

Ergänzend dazu wurden 2025 neue Richtlinien verabschiedet, die es Kindern mit serbischen Geburtsurkunden ermöglichen, sich offiziell im Kosovo registrieren zu lassen. Dieser Schritt stellt eine wichtige Verbesserung dar, bleibt jedoch in seiner Wirkung begrenzt, da das entsprechende Registrierungsfenster zeitlich eingeschränkt ist und der Prozess bislang nicht vollständig abgeschlossen wurde (United Nations Mission in Kosovo, 2025).

Recht auf Schutz

Kosovo verfügt über einen rechtlichen Rahmen zum Schutz von Kindern, der internationalen Standards entspricht. Das Gesetz Nr. 06/L-084 zum Kinderschutz (2020) bildet die zentrale Grundlage für den Schutz von Kindern vor allen Formen von Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Ausbeutung. Es verpflichtet zudem zur Einrichtung integrierter, multidisziplinärer Teams auf kommunaler Ebene, die für die Bearbeitung von Kinderschutzfällen zuständig sind.

Trotz dieser formalen Strukturen bestehen erhebliche Schutzrisiken, insbesondere im Zusammenhang mit Kinderhandel und Zwangsarbeit. Das Kinderschutzsystem ist  unterfinanziert (KOMF Kosova, 2024a). Missbrauchsfälle bleiben häufig ungemeldet, nicht zuletzt aufgrund tief verankerter sozialer Normen und eines geringen Vertrauens in staatliche Institutionen. Auf kommunaler Ebene fehlt es den Sozialarbeitern, Polizeikräften sowie Staatsanwaltschaften oftmals an spezialisierter, kindgerechter Ausbildung, um komplexe Fälle von Gewalt und Ausbeutung angemessen zu bearbeiten. Integrierte Unterstützungsangebote für betroffene Kinder sind selten, und auch das Pflegesystem bietet vielfach keinen ausreichenden Schutz vor weiteren Gefährdungen (UNICEF, 2022).

Risikofaktoren –> Länderspezifische Herausforderungen

Kinderarbeit

Zuverlässige Daten zur Kinderarbeit im Kosovo sind aufgrund des überwiegend informellen Charakters dieser Tätigkeiten nur eingeschränkt verfügbar. Auf Basis einer Erhebung aus den Jahren 2019 bis 2020 wird davon ausgegangen, dass 9 % der Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren einer Form von Arbeit nachgehen, wobei viele 7- bis 14-jährige Arbeit und Schulbesuch miteinander verbinden (US-Arbeitsministerium, 2024a). Zu den sichtbarsten Erscheinungsformen zählen Zwangsbettelei, Straßenarbeit sowie der Verkauf kleiner Waren. Darüber hinaus sind Kinder auch in weniger sichtbaren, jedoch besonders gefährlichen Arbeitsbereichen tätig, etwa in der Landwirtschaft, der Abfallsammlung, im Bauwesen oder im Bergbau. Wirtschaftliche Notlagen und unzureichende soziale Sicherungssysteme bringen zahlreiche Familien in die prekäre Lage, auf das Einkommen ihrer Kinder angewiesen zu sein.

Kinder aus einkommensschwachen Haushalten und aus Minderheitengemeinschaften, insbesondere aus RAE-Gruppen, sind einem erhöhten Risiko von Kinderarbeit und anderer wirtschaftlicher Ausbeutung ausgesetzt. Kinder, die aufgrund fehlender persönlicher Dokumente vom Schulbesuch ausgeschlossen sind, sind in Kosovo besonders anfällig für Kinderarbeit.

Kosovo hat einen rechtlichen Rahmen zur Bekämpfung der Kinderarbeit geschaffen, unter anderem durch den Aktionsplan für Kinderrechte (2021–2025), der Kinderarbeit ausdrücklich verbietet und politische Leitlinien zur Prävention vorgibt. Jüngere Gesetzesänderungen zielen darauf ab, Kinder verstärkt vor gefährlicher Arbeit zu schützen, etwa durch das Verbot der Beschäftigung in Nachtclubs und anderen Hochrisikoumgebungen. Gleichwohl bleibt die Umsetzung und Durchsetzung dieser Regelungen unzureichend, sodass weiterhin zahlreiche Kinder unter unsicheren und ausbeuterischen Bedingungen arbeiten müssen (US-Arbeitsministerium, 2024a).

Kinderhandel

Auch im Kosovo ist Kinderhandel eine reale und anhaltende Problematik. Das Land fungiert dabei zugleich als Herkunfts-, Transit- und Zielland. Besonders gefährdet sind Kinder aus wirtschaftlich benachteiligten Familien. Der Kinderhandel erfolgt häufig grenzüberschreitend und setzt betroffene Kinder Zwangsarbeit oder kommerzieller sexueller Ausbeutung aus (US-Arbeitsministerium, 2024b; US-Außenministerium, 2024). Mädchen sind hiervon in überproportionalem Maße betroffen. Ein Bericht des US-Außenministeriums zeigt, dass ein Großteil der identifizierten Opfer Kinder aus dem Kosovo selbst oder aus dem benachbarten Albanien waren (US-Außenministerium, 2025).

Im Unterschied zu Formen allgemeiner Kinderarbeit ist Menschenhandel stets mit Zwang, Drohungen oder Täuschung verbunden, wodurch betroffene Kinder kaum oder keinerlei Kontrolle über ihre Lebensumstände haben. Staatliche Stellen, insbesondere Erstkontaktpersonen, verfügen jedoch häufig nicht über die notwendige spezialisierte Ausbildung, um Opfer von Kinderhandel zuverlässig zu identifizieren. Dies gilt insbesondere für Kinder, die zur Bettelei oder zur sexuellen Ausbeutung gezwungen werden. In der Folge werden Betroffene mitunter fälschlich als Täter behandelt oder abgeschoben, ohne Zugang zu angemessenem Schutz, Unterstützung oder rehabilitativen Maßnahmen zu erhalten (US-Arbeitsministerium, 2024b).

Kindesmissbrauch

Gewalt wird im Kosovo nach wie vor häufig als legitimes Mittel der Disziplinierung verstanden. Obwohl das Gesetz zum Schutz von Kindern Sensibilisierungsprogramme und positive Erziehungsansätze vorsieht, fehlen bislang verbindliche Leitlinien für deren Umsetzung. Abgesehen von punktuellen Initiativen der Zivilgesellschaft bestehen kaum systematische Unterstützungsangebote für Eltern (KOMF Kosova, 2024b).

Verbales Mobbing, einschließlich Beschimpfungen und Hänseleien, stellt die häufigste Form von Aggression unter Jugendlichen dar. Jungen sind überdurchschnittlich häufig in körperliches Mobbing, Cyberaggression, die Weitergabe nicht autorisierter Bilder, sexuell unangemessene Äußerungen sowie Sachbeschädigung involviert. Diese Muster spiegeln tradierte Geschlechternormen wider, die Aggression mit Männlichkeit verknüpfen. Indirekte Formen des Mobbings, etwa soziale Ausgrenzung, zeigen hingegen keine signifikanten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Die Erfahrung von Viktimisierung ist ein starker Prädiktor für die Angst, gemobbt zu werden, während Geschlecht, Alter und Häufigkeit des Mobbings nur einen minimalen Einfluss haben.  (Millaku et al., 2025).

Eine UNICEF-Studie aus dem Jahr 2020 zeigt, dass rund 72 % der Kinder im Alter von 1 bis 14 Jahren mindestens eine Form gewaltsamer Disziplinierung erfahren haben. Dazu zählen körperliche Bestrafung in etwa 30 % der Fälle sowie zahlreiche Formen psychischer Gewalt (UNICEF, 2021a). Häusliche Gewalt und gewaltsame Erziehungsmethoden werden trotz ihrer nachgewiesenen langfristigen Schäden weiterhin gesellschaftlich toleriert. Defizite in der Infrastruktur und im Bereich der Präventionsangebote tragen dazu bei, dass Übergriffe selten gemeldet werden und betroffene Kinder vielfach ohne angemessene Unterstützung bleiben (UNICEF, 2022).

Auch im schulischen Umfeld ist Missbrauch ein gravierendes Problem. Psychische und körperliche Gewalt sind weit verbreitet und umfassen unter anderem Schläge, Drogenkonsum, das Mitführen von Waffen sowie Erpressung durch Gleichaltrige. Besonders alarmierend ist das Ausmaß sexuellen Missbrauchs. So wurde ein Sportlehrer wegen Belästigung zunächst suspendiert, später jedoch gerichtlich wieder eingesetzt. Anfang 2023 wurden zudem sechs Fälle sexueller Belästigung an Schulen gemeldet, von denen lediglich einer offiziell vom Bildungsministerium erfasst wurde. Fachleute weisen darauf hin, dass gewaltgeprägte familiäre Umfelder aggressives Verhalten in der Schule begünstigen, während unzureichende institutionelle Reaktionen und strukturelle Schwächen im Justizsystem den Schutz von Kindern weiter schmälern (Bami, 2023).

Kindesmissbrauch im Internet

Im Kosovo haben über 90 % der Jugendlichen Zugang zum Internet. Zugleich gibt rund ein Drittel von ihnen an, bereits Opfer von Cybermobbing geworden zu sein. Fast die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen reagiert darauf mit Verweigerung des Schulbesuchs. (UNICEF, 2024a). Zur Prävention von Cybermobbing initiierte UNICEF Kosovo im Oktober 2024 in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union und dem Büro des Premierministers eine landesweite Onlinekampagne. Kinder und Jugendliche wirkten aktiv an der Gestaltung der Kampagnenvideos mit, die über 350.000 Aufrufe erzielten, und beteiligten sich an schulischen Diskussionen zu digitaler Sicherheit. Ergänzend umfasste die Initiative Live-Sitzungen mit Psychologen sowie Aktivitäten auf Schulebene, die auf die Förderung sicherer, respektvoller und positiver Online-Interaktionen abzielen (UNICEF, 2024a).

Parallel dazu meldete die kosovarische Polizei mehrere Fälle, in denen Kinder Inhalte mit Bezug zu Selbstverletzung und Suizid in sozialen Medien veröffentlichten. Vor diesem Hintergrund unterstreichen die Behörden die Dringlichkeit einer geschützten digitalen Umgebung und appellieren an Eltern, die Online-Aktivitäten ihrer Kinder aufmerksam zu begleiten und einen offenen, vertrauensvollen Dialog über potenzielle Risiken im Internet zu führen (IndeksOnline, 2025).

Armut

Schätzungsweise 22 % bis 23 % der Kinder im Kosovo leben in Armut, rund 7 % davon in extremer Armut. Besonders betroffen sind Kinder aus RAE-Gruppen, Kinder mit Behinderungen sowie Kinder aus ländlichen Haushalten (KOMF Kosova, 2024c). Kinderarmut steht in engem Zusammenhang mit elterlicher Arbeitslosigkeit, Haushalten mit nur einem Elternteil, niedrigem Bildungsniveau und geschlechtsspezifischer Ausgrenzung. Minderheitengemeinschaften und ländliche Bevölkerungsgruppen sind hiervon in besonderem Maße betroffen (UNICEF, 2021b).

Etwa jedes vierte Kind lebt unter Bedingungen, die weder angemessenen Wohnraum noch ausreichende Ernährung oder einen verlässlichen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen gewährleisten (Eurochild, 2025a). Viele Kinder, insbesondere aus Minderheitengruppen oder mit Behinderungen, haben aufgrund fehlender Ausweispapiere, Migrationsprobleme, sprachlicher Barrieren und Diskriminierung nur eingeschränkten Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialer Unterstützung. Wirtschaftliche Instabilität, hohe Jugendarbeitslosigkeit und niedrige Löhne selbst in erwerbstätigen Haushalten verschärfen die Armutsrisiken zusätzlich (KOMF Kosova, 2024a).

Die öffentlichen Ausgaben für soziale Sicherung liegen weiterhin deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Zugleich erschweren fragmentierte und  unterfinanzierte Sozialsysteme die gezielte Unterstützung der am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen (The Borgen Project, 2023; UNICEF, 2021c). Armut begünstigt Kinderarbeit und das Leben auf der Straße: Viele Kinder sind gezwungen, zu betteln oder zu arbeiten – ein Umstand, der den Schulbesuch beeinträchtigt und ihre Bildungs- und Zukunftschancen nachhaltig einschränkt. Unter Kindern, die auf der Straße leben, nennen 88 % Armut als Hauptursache, während lediglich ein Viertel regelmäßig eine Schule besucht (UNICEF, 2024b).

Besonders prekär ist die Wohnsituation in RAE-Gemeinschaften. Mindestens drei Viertel der Roma-Kinder leben in unzureichenden Wohnverhältnissen. Diese Familien sind häufig extremer Armut ausgesetzt, verfügen über nur begrenzten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und sind auf ein sehr niedriges Haushaltseinkommen angewiesen. Nicht selten sind sie von humanitären Hilfsleistungen für die elementarste Versorgung abhängig (Eurochild, 2025b; ReliefWeb, 2024).

Kinder mit Behinderungen

Kinder mit Behinderungen sind im Kosovo weiterhin in hohem Maße von Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung betroffen (UNICEF, 2023). Zahlreiche Schulgebäude sind nicht barrierefrei, und es mangelt an angepassten Lehr- und Lernmaterialien, die eine inklusive Beschulung ermöglichen würden (Belegu Caka, 2025; KOMF Kosova, 2024d). In der Folge ist der Anteil von Kindern mit Behinderungen in Regelschulen gering. Viele besuchen Sonderschulen oder bleiben vollständig vom Bildungssystem ausgeschlossen (Belegu Caka, 2025).

Auch die Unterstützungsstrukturen sind unzureichend ausgebaut und stark fragmentiert. Frühzeitige Erkennung und Intervention bei Entwicklungsverzögerungen sind häufig nicht gewährleistet. Das führt zu verspäteten Diagnosen und schränkt die Wirksamkeit späterer Fördermaßnahmen erheblich ein. Zwar hat sich das Bildungsministerium zur Einstellung zusätzlicher Lehrassistenten verpflichtet, die aktuelle Personalausstattung reicht jedoch weiterhin nicht aus, um den vielfältigen Bedürfnissen von Kindern mit Behinderungen gerecht zu werden (KOMF Kosova, 2024d).

Diagnostische Abklärungen und spezialisierte Behandlungen konzentrieren sich räumlich überwiegend auf Pristina. Familien in anderen Regionen sind gezwungen, lange Anfahrtswege in Kauf zu nehmen, und sehen sich häufig mit einem Mangel an notwendigen Hilfsmitteln konfrontiert (Leung & Nagavci, 2025). Die jüngste Gesetzgebung zur materiellen Unterstützung von Kindern mit dauerhaften Behinderungen erreicht bislang nur einen begrenzten Teil der betroffenen Kinder und bietet zudem keine ausreichende Absicherung (KOMF Kosova, 2024d). Besonders benachteiligt sind Mädchen mit Behinderungen, die überproportional von Gewalt betroffen sind, nur eingeschränkten Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdiensten haben und vielfach von Bildungs- und späteren Arbeitsmöglichkeiten ausgeschlossen bleiben (Leung & Nagavci, 2025).

Kinder aus Minderheiten

Kinder aus marginalisierten ethnischen Gemeinschaften im Kosovo, insbesondere aus RAE- sowie aus Teilen der serbischen Bevölkerung, sehen sich erheblichen strukturellen Benachteiligungen gegenüber. Der Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialen Dienstleistungen ist für sie vielfach eingeschränkt (Ahmeti, 2022; The Borgen Project, 2023). Diese Kinder sind überproportional von Armut betroffen und leben häufig unter prekären Bedingungen mit unzureichendem Zugang zu sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und grundlegenden Ressourcen. Nicht selten sind sie gezwungen, zu arbeiten oder zu betteln, um zum Familieneinkommen beizutragen.

Ethnische Diskriminierung und soziale Marginalisierung verschärfen diese Benachteiligungen zusätzlich. Trotz bestehender rechtlicher Schutzmechanismen und formaler Minderheitenquoten weisen Kinder aus Minderheitengruppen höhere Sterblichkeitsraten, schlechtere Bildungsergebnisse und eine anhaltende soziale Ausgrenzung auf. Eine unzureichende Durchsetzung von Gleichstellungsregelungen, der Missbrauch von Quoten sowie der Mangel an nach ethnischen Kriterien aufgeschlüsselten Daten führen dazu, dass insbesondere RAE-Gemeinschaften weiterhin von wirtschaftlicher und sozialer Teilhabe ausgeschlossen bleiben. Öffentliche Institutionen bevorzugen in der Praxis häufig Bewerber aus der Mehrheitsbevölkerung oder anderen Gruppen (Zeqiri, 2025).

Auch serbische Kinder sind in besonderem Maße von interethnischen Spannungen und einem Klima der Unsicherheit betroffen. Dokumentierte Gewalttaten verstärken Ängste innerhalb der Gemeinschaften und haben in einigen Regionen zu sinkenden Einschulungszahlen geführt (KoSSev, 2024). Schulen verfügen häufig nicht über die notwendigen Ressourcen für eine inklusive Bildung, etwa im Bereich des Schülertransports, bei Lernmaterialien in Minderheitensprachen oder durch ausreichende pädagogische Unterstützung. Parallele Bildungssysteme für bestimmte Gemeinschaften, darunter serbische Schulen, schränken zudem interethnische Begegnungen und gegenseitiges Verständnis weiter ein (Grazzi, o. D.).

Mädchen aus marginalisierten Gemeinschaften sind ebenso benachteiligt. Frühverheiratungen sind weit verbreitet, wobei über 85 % dieser Ehen nicht registriert sind und den betroffenen Mädchen somit jeglicher rechtliche Schutz fehlt (Zeqiri, 2025). Diese fehlende rechtliche Absicherung führt häufig zu Schulabbrüchen, eingeschränkten Bildungs- und Erwerbsperspektiven sowie zu erhöhter Abhängigkeit innerhalb der Familie, in der Entscheidungen überwiegend von Vätern oder anderen Familienmitgliedern getroffen werden. Lediglich 31 % der Mädchen aus RAE-Gemeinschaften schließen die Oberstufe ab – ein Wert, der deutlich unter dem nationalen Durchschnitt liegt (IndeksOnline, 2022).

Verfasst von Or Salama

Übersetzt von Melanie Morawetz

Korrektur gelesen von Marie Podewski

Zuletzt aktualisiert am 30. Dezember 2025

Quellen:

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[1] Dieser Artikel erhebt keineswegs Anspruch, einen vollständigen oder repräsentativen Überblick über die Rechte von Kindern im Kosovo zu geben. Eine der vielen Herausforderungen besteht darin, dass es nur wenige aktuelle Informationen über Kinder im Kosovo gibt, von denen viele unzuverlässig, nicht repräsentativ oder veraltet sind. Oftmals sind Informationen auch schlichtweg nicht vorhanden.