Kinder in Ungarn

Die Verwirklichung der Kinderrechte in Ungarn

In Ungarn existiert ein rechtlicher Rahmen für Kinderrechte, doch spiegelt sich dieser in der Praxis häufig nicht vollständig wider. Romani-Kinder sind oft Diskriminierung ausgesetzt, und Armut trägt dazu bei, dass viele von ihnen in staatliche Obhut genommen werden. Der eingeschränkte Zugang zu qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung und zu Unterstützungsangeboten sowie Vorurteile gegenüber Roma-, LGBTIQ+- und Flüchtlingskindern schränken die Verwirklichung der Kinderrechte ein. Maßnahmen zum Schutz von Kindern werden häufig dafür kritisiert, die eigentlichen Ursachen nicht anzugehen und die Freiheiten von Kindern einzuschränken.

Bevölkerung: 9,4 Millionen
Bevölkerung im Alter 0-14 Jahren: 14,5 %

Lebenserwartung: 79,5 Jahre
Sterblichkeitsrate unter 5 Jahren: 4 ‰

Ungarn auf einen Blick

Ungarn, ein Binnenstaat in Mitteleuropa, teilt Grenzen mit Österreich, der Slowakei, der Ukraine, Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien. Es ist eine einheitliche parlamentarische Republik mit Budapest als Hauptstadt. Verwaltungstechnisch ist Ungarn in 19 Komitate sowie die Hauptstadt gegliedert, mit weiteren Unterteilungen zur Erleichterung der lokalen Verwaltung. Das Rechtssystem folgt der Tradition des Zivilrechts.

Seit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 beteiligt sich Ungarn aktiv an europäischen Angelegenheiten und ist zugleich Mitglied weiterer wichtiger internationaler Organisationen, darunter die Vereinten Nationen, der Europarat, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie die Nordatlantikvertragsorganisation. Die EU-Integration hat Ungarns rechtliche Rahmenbedingungen, Wirtschaftspolitik und den Ansatz zu sozialen Rechten geprägt, insbesondere in den Bereichen Kinder, Bildung und Wohlfahrt.

Stand der Kinderrechte [1]

Ungarn ratifizierte 1991 das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes (UNCRC) und ist Vertragsstaat der Fakultativprotokolle über die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten (2003) sowie über den Verkauf von Kindern, Kinderprostitution und Kinderpornografie (2003). Die Umsetzung der UNCRC bildet die Grundlage der ungarischen Kinderschutzgesetze und -politik. Darüber hinaus ratifizierte Ungarn 2008 das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, das spezielle Schutzbestimmungen für Kinder mit Behinderungen enthält.

Der nationale Rahmen für Kinderrechte wird vor allem durch das Kinderschutzgesetz und ergänzende Regierungsverordnungen bestimmt. Trotz dieser rechtlichen Schutzmechanismen äußern zivilgesellschaftliche Organisationen und internationale Gremien Bedenken hinsichtlich der tatsächlichen Umsetzung der Kinderrechte in Ungarn.

Dazu zählen Schwächen beim Schutz von Kindern vor Missbrauch, Vernachlässigung und Ausbeutung sowie Schwierigkeiten bei der Gewährleistung des Rechts auf Bildung, insbesondere für Roma-Kinder. Hinzu kommen anhaltende Probleme im Zusammenhang mit Armut, ungleichem Zugang zu sozialen Dienstleistungen und der Ausgrenzung marginalisierter Gruppen.

Zivilgesellschaftliche Gruppen und internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und der Europarat weisen zudem darauf hin, dass jüngste rechtliche und politische Änderungen die Rolle von Interessenvertretungen im öffentlichen Diskurs einschränken. Sie merken an, dass der staatliche Fokus auf traditionelle Familienstrukturen das Risiko birgt, die am stärksten gefährdeten Kinder auszuschließen. Darüber hinaus wird hervorgehoben, dass Kinder nur wenige Möglichkeiten haben, an Entscheidungen mitzuwirken, die sie betreffen, und es wird ein inklusiveres und besser ausgestattetes Kinderschutzsystem gefordert.

Bedürfnisse von Kindern

Recht auf Bildung

In Ungarn besteht Schulpflicht ab dem Alter von drei Jahren, wenn Kinder den Kindergarten besuchen müssen, bis zum Abschluss der Sekundarschule oder bis zum Alter von sechzehn Jahren – je nachdem, was zuerst eintritt. Die meisten Kinder sind in öffentlichen Einrichtungen eingeschrieben, wobei die Zahl kirchlich betriebener Kindergärten stetig zunimmt (Eurydice, 2025a; Eurydice, 2025b).

Trotz dieses umfassenden Rahmens ist der Zugang zur frühkindlichen Bildung ungleich verteilt. Nationale und EU-Mittel haben zwar zur Ausweitung von Krippen- und Kindergartenplätzen beigetragen, doch bleibt das Angebot insbesondere in weniger entwickelten und ländlichen Regionen lückenhaft. Familien aus Minderheiten, Kinder mit besonderem Förderbedarf sowie Kinder aus einkommensschwachen Haushalten oder mit ausländischem Status stoßen häufig auf zusätzliche Hürden, sei es aufgrund begrenzter Verfügbarkeit oder fehlender Bezahlbarkeit (Eurydice, 2025a).

Auch im weiteren Bildungssystem bestehen erhebliche Ungleichheiten. Die Behörden haben Schulen der Methodistisch-Evangelischen Kirche geschlossen, die vor allem benachteiligte Kinder unterrichteten, trotz gerichtlicher Entscheidungen gegen diese Schließungen (Human Rights Watch, 2025). Roma-Kinder werden weiterhin häufig in separate Klassen oder Schulen segregiert, oftmals auf Grundlage schulischer Leistungen oder sonderpädagogischen Förderbedarfs. Gleichzeitig hat der Anstieg kirchlicher Schulen dazu geführt, dass viele Nicht-Roma-Kinder staatliche Schulen verlassen (Faludy, 2025).

Die Bedingungen an öffentlichen Schulen verschlechtern sich ebenfalls. Rund 40 % melden einen Mangel an qualifizierten Lehrkräften, wobei niedrige Löhne zu hoher Fluktuation beitragen. Unterfinanzierte Schulen greifen teilweise auf unqualifiziertes Personal zurück, was die Bildungsqualität mindert. Die Unterstützung für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist unzureichend, da bestehende Leitlinien nicht mehr verbindlich sind.

Kirchliche Schulen profitieren hingegen von besserer Finanzierung und der Möglichkeit, leistungsstarke Schülerinnen und Schüler auszuwählen, wodurch sozial und wirtschaftlich benachteiligte Kinder in belasteten öffentlichen Schulen konzentriert bleiben. Selbst Universitäten, die sich regierungsnahen Reformen widersetzen, sind von finanzieller Benachteiligung betroffen (Faludy, 2025).

Die Regierung hat Strategien zur Verringerung von Ungleichheiten eingeführt. Die Nationale Jugendstrategie (2009–2024) und die Nationale Strategie zur sozialen Inklusion 2030 zielen auf die Bekämpfung von Kinderarmut und sozialer Ausgrenzung sowie auf den Zugang zu Bildung für Roma und andere vulnerable Gruppen ab. Zusätzliche Unterstützung für Kinder mit Behinderungen, Lernschwierigkeiten, besonderen Begabungen oder langfristigen gesundheitlichen Bedürfnissen wird über spezialisierte Einrichtungen und inklusive Schulen bereitgestellt (European Commission, 2025a).

Die Ergebnisse der Programme for International Student Assessment (PISA) 2022 zeigen, dass Schülerinnen und Schüler aus weniger privilegierten Verhältnissen weiterhin hinter ihren Altersgenossen zurückbleiben. Programme wie Lehrerfortbildungen, schulischer Gemeinschaftsdienst und die Initiative „Smart Classroom“ sollen Inklusion fördern und die digitale Kluft schließen, indem sie den Lernenden die für die zukünftige Beschäftigung notwendigen Fähigkeiten und Ressourcen vermitteln.

Die Teilnahme an Kindergarten- und Sekundarbildung hat sich verbessert, doch Roma-Kinder und benachteiligte Kinder sind weiterhin von frühem Schulabbruch, Segregation und eingeschränkter Mobilität betroffen. Weitere Programme wie der Ausbau von Kindergartenplätzen, das Tanoda-Programm und Roma-Berufskollegs sind Schritte in die richtige Richtung, dennoch bestehen weiterhin tief verwurzelte Ungleichheiten (European Commission, 2025b).

In den letzten Jahren hat Ungarn viele Kinder aus der institutionellen Betreuung in Pflegefamilien vermittelt. Dennoch besteht weiterhin ein Mangel an Pflegeeltern für Kinder mit besonderen Bedürfnissen (Eurochild, 2024; Hungarian Central Statistical Office, n.d.).

Recht auf Schutz

Darüber hinaus sind LGBTIQ+-Jugendliche weiterhin sozial und rechtlich benachteiligt, was ihr Wohlbefinden und ihren Zugang zu Chancen beeinträchtigt. Obwohl das Gesetz CXXV von 2003 über Gleichbehandlung und die Förderung der Chancengleichheit sexuelle Orientierung und Identität als geschützte Merkmale anerkennt, gibt es keine spezifische Strategie oder keinen Aktionsplan zur Verringerung von Vorurteilen gegenüber LGBTIQ+-Jugendlichen.

Infolgedessen sind sie stärker von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung betroffen, was ihre vollständige Teilhabe an der Gesellschaft und den gleichberechtigten Genuss ihrer Rechte – etwa im Familienleben und bei Adoptionen – einschränkt (European Commission, 2025b).

Recht auf Gesundheit

Die COVID-19-Pandemie hat die Gesundheit, das Wohlbefinden und die soziale Entwicklung ungarischer Jugendlicher stark beeinträchtigt. Zwischen 2018 und 2022 nahmen Berichte über multiple Gesundheitsbeschwerden bei 11- bis 15-Jährigen deutlich zu, wobei insbesondere 13-Jährige betroffen waren. Mädchen verzeichneten einen stärkeren Anstieg als Jungen: Der Anteil der Mädchen mit mehreren Beschwerden stieg von 37,1 % auf 62,2 %, während er bei Jungen von 28,7 % auf 39,4 % zunahm. Jugendliche berichteten zudem von geringerer Lebenszufriedenheit infolge der Pandemie sowie von Maßnahmen wie Schulschließungen und sozialer Isolation (World Health Organization, 2023).

Recht auf Freiheit

Ungarische Kinder haben nach nationalem Recht und internationalen Übereinkommen das Recht auf Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit und Selbstidentität. Jüngste gesetzliche Änderungen, darunter Novellierungen des Kinderschutzgesetzes und des Gesetzes über öffentliche Bildung, haben jedoch zu Einschränkungen bei der Thematisierung vielfältiger Geschlechtsidentitäten und sexueller Orientierungen in Schulen und öffentlichen Medien geführt. Dadurch werden die Meinungsfreiheit von Kindern und ihr Zugang zu inklusiver Bildung faktisch beschnitten. Diese Änderungen wurden von Kinderrechtsorganisationen und internationalen Gremien weithin kritisiert, da sie Ungarns Verpflichtungen im Bereich der Kinderrechte widersprechen (De Groot, 2025).

Roma-Kinder stehen vor zusätzlichen Herausforderungen. Sie erleben häufig Diskriminierung und werden in separate Schulen geschickt. Berichte und Gerichtsverfahren zeigen, dass viele Romani-Kinder häufiger als andere Kinder aus ihren Familien genommen und in Heime gebracht werden. Segregierter Unterricht und institutionelle Diskriminierung behindern weiterhin das Recht von Roma-Kindern auf Freiheit und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe.

Roma-Kinder und Kinder in staatlicher Obhut erleben mitunter Einschränkungen ihrer Freiheit aufgrund von Diskriminierung, Segregation oder institutioneller Regeln, die ihre Selbstentfaltung und Autonomie beschränken (European Roma Rights Centre, 2025a).

Risikofaktoren → Landesspezifische Herausforderungen

Kindesmissbrauch

Ein zentrales Kinderrechtsproblem in Ungarn ist das Versagen beim Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch in staatlichen Einrichtungen. Ein jüngster Skandal deckte auf, dass Kinder in solchen Einrichtungen über viele Jahre missbraucht wurden, während die Behörden es versäumten, die Übergriffe zu verhindern oder angemessen darauf zu reagieren.

Der Leiter einer solchen Einrichtung wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er mindestens zehn Kinder missbraucht hatte. Sein Stellvertreter, der versuchte, Opfer zum Schweigen zu bringen und die Taten zu vertuschen, wurde später von Präsidentin Katalin Novák begnadigt. Diese Begnadigung löste landesweite Empörung aus und führte schließlich zum Rücktritt sowohl der Präsidentin als auch der Justizministerin, wodurch gravierende Mängel im ungarischen Kinderschutzsystem offengelegt wurden (AP News, 2024; Askew, 2024).

Kritiker argumentieren, dass staatliche Politiken zu einem unsicheren Umfeld für Kinder beigetragen haben. Insbesondere die Gleichsetzung von Homosexualität mit Pädophilie sowie die Einschränkung der Rechte sexueller Minderheiten werden dafür verantwortlich gemacht, Stigmatisierung zu fördern und Missbrauch unkontrolliert zu lassen, was die Sicherheit und das Wohlergehen von Kindern untergräbt (AP News, 2024).

Kinderarbeit

Die Beschäftigung junger Menschen in Ungarn ist in den letzten Jahren relativ stabil geblieben, doch hängen Beschäftigungsmöglichkeiten stark von Faktoren wie Bildung, Alter und sozialem Hintergrund ab. Für Roma-Jugendliche ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt besonders schwierig. Viele stoßen auf Hürden, die mit niedrigeren Bildungsabschlüssen und dem Leben in benachteiligten Regionen zusammenhängen.

Infolgedessen lag der Anteil der Roma im Alter von 15–24 Jahren, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung oder Weiterbildung befinden, im Jahr 2022 bei etwa 42 %, verglichen mit nur 8 % in der Gesamtbevölkerung (European Commission, 2025b).

Kinderarmut

Armut und schlechte Lebensbedingungen sind weiterhin zentrale Faktoren für Familientrennungen und die Unterbringung von Kindern in staatlicher Obhut. Familien mit sozioökonomischen Schwierigkeiten – etwa geringem Einkommen, Alleinerziehendenstatus oder unzureichendem Wohnraum – werden von Kinderschutzbehörden häufig strenger beurteilt, wobei die Herausnahme aus dem Elternhaus zu oft als erste statt als letzte Maßnahme betrachtet wird.

Besonders marginalisierte Gemeinschaften sind betroffen, da strukturelle Benachteiligungen und eingeschränkter Zugang zu Unterstützungsangeboten es Familien erschweren, die von den Behörden erwarteten Standards zu erfüllen. Dieser Ansatz kann schädliche Stereotype verstärken, indem Eltern in Armut als nachlässig oder verantwortungslos dargestellt werden, und so Benachteiligungskreisläufe fortschreiben (Girardini, 2025).

Im Jahr 2024 erhielten über 1 Million ungarische Kinder irgendeine Form von Familienbeihilfe, was den anhaltenden sozialen Bedarf widerspiegelt. Gleichzeitig bleiben trotz eines leichten Anstiegs des BIP (0,5 % im Jahr 2024) die Zuwächse der Kaufkraft ungleich verteilt, und viele Familien – insbesondere die verletzlichsten – haben weiterhin Schwierigkeiten beim Zugang zu Sozialleistungen (Hungarian Central Statistical Office, n.d.).

Wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Inflation und unzureichender Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und Kinderbetreuung stellen Hürden für Familien dar, die Kinder bekommen möchten. Staatliche Familienpolitiken wie Kredite, Wohnzuschüsse und Steuerbefreiungen sind häufig selektiv, an Erwerbstätigkeit gebunden oder nur in bestimmten Regionen verfügbar, sodass sich viele Menschen ausgeschlossen fühlen. Infolgedessen entscheiden sich weniger Menschen für Kinder, was zu einem Bevölkerungsrückgang beiträgt (Rutai, 2024).

Dieser Trend birgt indirekte Risiken für das Recht von Kindern auf einen angemessenen Lebensstandard sowie auf Zugang zu qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung, Bildung und Entwicklungschancen.

Diskriminierung

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Ungarn wiederholt dafür verurteilt, Romani-Kinder ohne triftige Gründe aus ihren Familien zu entfernen, wobei häufig Armut oder ethnische Stereotype statt tatsächlicher Vernachlässigung oder Misshandlung als Gründe angeführt wurden. Im Juni 2025 stellte das Gericht fest, dass die Behörden eine Romani-Mutter rechtswidrig von ihrem neugeborenen Sohn getrennt hatten. Romani-Kinder haben daher ein deutlich höheres Risiko, aufgrund wirtschaftlicher Not und Diskriminierung in institutionelle Betreuung zu geraten. Obwohl Romani-Kinder nur etwa 13 % der Kinderbevölkerung Ungarns ausmachen, stellen sie 58 % der Kinder in staatlicher Obhut (European Roma Rights Centre, 2025a).

Diese Ungleichheiten zeigen sich auch im Alltag. Im Bezirk Bűdi von Tiszavasvári müssen Romani-Kinder aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten häufig bis zu sieben Kilometer zu Fuß zur Schule gehen, teils bei widrigen Wetterbedingungen. Dies stellt eine erhebliche Belastung dar und erschwert den gleichberechtigten Zugang zu Bildung (European Roma Rights Centre, 2025b). Schulische Segregation schränkt ihre Chancen zusätzlich ein und verdeutlicht, dass Ungarn diese Ungleichheiten bislang nicht wirksam angegangen ist (Human Rights Watch, 2025).

Diskriminierung betrifft auch LGBTIQ+-Jugendliche in Ungarn. Im März 2025 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das Verbote von Pride-Märschen und anderen LGBTQ+-Veranstaltungen ermöglicht. Die Polizei untersagte daraufhin Pride-Veranstaltungen auf Grundlage dieses Gesetzes, und Gerichte bestätigten diese Entscheidungen, was faktisch zu einem Verbot führte.

Diese Maßnahme baut auf einem Gesetz aus dem Jahr 2021 auf, das öffentliche Darstellungen von Homosexualität, Geschlechtsangleichung oder geschlechtlicher Vielfalt einschränkt und von der Regierung unter dem Vorwand des Kinderschutzes gerechtfertigt wird. Kritiker argumentieren, dass das Gesetz LGBTIQ+-Menschen unfair ins Visier nimmt und stigmatisiert, und es hat landesweite Proteste ausgelöst. In der Praxis verweigert dieses Gesetz LGBTIQ+-Kindern Sichtbarkeit und schafft ein feindliches Umfeld, in dem ihre Identitäten zum Schweigen gebracht werden.

Statt junge Menschen zu schützen, vermittelt es die Botschaft, dass Kinder, die LGBTIQ+ sind oder in Regenbogenfamilien aufwachsen, weniger legitim seien, und verletzt grundlegende Prinzipien der Gleichheit und Nichtdiskriminierung (De Groot, 2025; Spike, 2025).

Das Gesetz schränkt zudem den Zugang zu Büchern, Filmen und kulturellen Materialien mit LGBTIQ+-Themen ein und begrenzt die Sexualerziehung auf staatlich zugelassene Lehrkräfte. Seit Einführung des Gesetzes wurden Bücher mit LGBTIQ+-Inhalten entfernt oder dürfen nur noch in neutraler Verpackung verkauft werden, wodurch Kinder weniger Möglichkeiten haben, verlässliche Informationen über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität zu erhalten.

Kritiker warnen, dass diese Einschränkungen junge Menschen gefährden (Gomez, 2025). Zudem wird das Gesetz dafür kritisiert, Homosexualität fälschlicherweise mit Pädophilie zu verknüpfen und dadurch LGBTIQ+-Jugendliche weiter zu stigmatisieren (O’Sullivan, 2024).

LGBTIQ+-Jugendliche

LGBTIQ+-Kinder und Kinder aus vielfältigen Familienformen gehören zu Minderheiten, deren Rechte und Identitäten nach internationalem Recht geschützt sind. Durch das Verbot von Pride-Märschen und anderen Veranstaltungen, die Vielfalt in Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung sichtbar machen, löscht Ungarn ihre Sichtbarkeit faktisch aus und beschränkt ihre gesellschaftliche Teilhabe.

Diese Einschränkungen verstärken soziale Isolation und verringern die Möglichkeiten für Kinder, sich selbst positiv in der Gesellschaft wiederzufinden. Anstatt ihr Wohlbefinden zu schützen, fördert die ungarische Gesetzgebung Ausgrenzung und Marginalisierung, verweigert LGBTIQ+-Kindern Anerkennung und untergräbt ihr Recht auf Identität und Zugehörigkeit (De Groot, 2025).

Flüchtlings- und Migrantenkinder

Viele Flüchtlingskinder – insbesondere transkarpatische Roma aus der Ukraine – blieben ohne Unterkunft, nachdem ein Regierungsdekret die Unterstützung für Personen aus Gebieten beendete, die nicht als „Kriegsgebiete“ eingestuft wurden.

Diese Entscheidung machte Tausende obdachlos und beeinträchtigte unmittelbar die Sicherheit, Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern. An Ungarns Grenze zu Serbien waren asylsuchende Kinder rechtswidrigen Zurückweisungen und Inhaftierungen unter harten Bedingungen ausgesetzt. Zwischen Januar und August 2024 ging die Zahl der Zwangsrückführungen nach Änderungen im serbischen Recht zurück, doch frühere Praktiken umfassten gewaltsame Pushbacks und die Unterbringung in Transitzonen, in denen Kinder unzureichender Versorgung, mangelndem Schutz und unzumutbaren Lebensbedingungen ausgesetzt waren.

Gerichte haben Ungarn wiederholt wegen solcher Praktiken wegen Verstößen gegen internationales Recht verurteilt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied 2017 und 2019, dass das Land Asylsuchende – darunter ein fünfjähriges Kind – rechtswidrig inhaftiert und ausgehungert hatte (Human Rights Watch, 2025). Diese Fälle zeigen, wie restriktive Asyl- und Grenzpolitiken die Rechte von Flüchtlings- und Migrantenkindern auf Sicherheit, Schutz und ein stabiles Umfeld gefährden.

Rechte von Mädchen

Die Regierung Ungarns unter Viktor Orbán verfolgt pronatalistische Politiken und propagiert traditionelle Familienwerte, was Mädchen unmittelbar betrifft. Gleichzeitig könnte die steigende Beteiligung von Frauen an der Hochschulbildung die Geburtenrate beeinflussen. Da mehr Frauen studieren, heiraten sie möglicherweise seltener und bekommen weniger Kinder (BBC, 2022). Diese Botschaften verstärken gesellschaftliche Erwartungen, wonach Mädchen Familie und Mutterschaft gegenüber Bildung oder beruflicher Entwicklung priorisieren sollen.

Auch die reproduktiven Rechte von Mädchen sind eingeschränkt. Obwohl Schwangerschaftsabbrüche bis zur 12. Woche legal sind, umfasst das Verfahren verpflichtende Beratungsgespräche, die von Kritikern als entwürdigend und als Teil einer Pro-Life-Agenda beschrieben werden. Der Zugang zu Verhütungsmitteln und Familienplanung ist ebenfalls begrenzt, was die verfügbaren Angebote der reproduktiven Gesundheitsversorgung einschränkt.

Diese Politiken sind Teil einer umfassenderen staatlichen Strategie zur Förderung von Geburten unter einheimischen Ungarinnen und Ungarn, verstärken traditionelle Geschlechterrollen im Bildungs- und Gesundheitssystem und prägen das Umfeld, in dem Mädchen aufwachsen und Entscheidungen über ihr Leben treffen (Population Matters, 2025).

Kinder mit Behinderungen

Da gemeindenahe Unterstützungsangebote fehlen, werden viele Kinder mit Behinderungen in Institutionen untergebracht, und Eltern fühlen sich aufgrund mangelnder staatlicher Hilfe häufig dazu gedrängt ihre Kinder dorthin zu schicken. Der Zugang zu qualitativ hochwertiger inklusiver Bildung wird oft verweigert, während das Vormundschaftssystem die Fähigkeit von Kindern einschränkt, selbst Entscheidungen zu treffen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat Ungarn wiederholt aufgefordert, diese diskriminierenden Praktiken zu beenden, die Vormundschaft abzuschaffen und in Dienstleistungen zu investieren, die Kindern ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft ermöglichen. Dennoch sind die Fortschritte gering: Die Regierung finanziert weiterhin segregierte Einrichtungen, anstatt sicherzustellen, dass Kinder mit Behinderungen in Würde leben und die notwendige Unterstützung erhalten können (Validity Foundation, n.d.).

Kinder in Pflegefamilien

Im Jahr 2024 galten in Ungarn nahezu 70.000 Kinder als gefährdet, von denen 31.000 in den Kinderschutz aufgenommen wurden – der höchste Wert des letzten Jahrzehnts (Hungarian Central Statistical Office, n.d.). Zwar ist eine deutliche Verlagerung von institutioneller Betreuung hin zu Pflegefamilien zu beobachten, zunehmend unter Einbeziehung religiöser Organisationen, doch bleibt die Zahl der Kinder, die auf Adoption warten, hoch: 2024 warteten über 2.000 Kinder auf eine Familie, während im selben Jahr nur 1.291 adoptiert wurden (Hungarian Central Statistical Office, n.d.).

Darüber hinaus ist ein Trend zur Unterbringung von Kindern bei Pflegeeltern statt in Einrichtungen zu erkennen. So lebten 2021 beispielsweise 14.866 Kinder bei Pflegeeltern, während 6.175 in institutioneller Betreuung waren. Das System leidet zudem unter einem Mangel an ausgebildetem Personal, und die psychosoziale Unterstützung ist unzureichend, sodass viele Kinder nicht die Hilfe erhalten, die sie benötigen (Eurochild, 2024).

Geschrieben von Or Salama

Übersetzt von Michael Aschenbrenner

Korrektur gelesen von Beate Dessewffy

Zuletzt aktualisiert am 23. September 2025

Referenzen:

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[1] Dieser Artikel erhebt keineswegs den Anspruch, einen vollständigen oder repräsentativen Überblick über die Kinderrechte in Ungarn zu geben; vielmehr besteht eine der vielen Herausforderungen in der spärlichen Verfügbarkeit aktueller Informationen über Kinder in Ungarn, von denen ein großer Teil unzuverlässig, nicht repräsentativ, veraltet oder schlicht nicht vorhanden ist.